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MARTHE VASSALLO
"Von einem Stern zum nächsten…"
(von: Pierre Morvan, erschienen in: Le Peuple Breton
N° 455: 24f)
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Marthe VASSALLO gehört zu den ganz großen Talenten
in der bretonischen Musik. Nach Experimenten und Erfahrungen in den unterschiedlichsten
Bereichen (Fernsehen, Oper, ...) widmet sie sich bereits seit einiger Zeit vorwiegend
dem Gesang.
Bekannt wurde sie unter anderem als Sängerin der begehrten Fest-Noz-Gruppe Loened Fall und durch das Bühnenprojekt "Bugel Koar",
das sie gemeinsam mit Philippe Olivier verwirklichte.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir hier ein Interview vom Dezember 2001, das (auch nach Auskunft von Marthe Vassallo selber) nach wie vor aktuell ist und einen interessanten Blick auf die gegenwärtige bretonische Musikszene gewährt.
PB: Marthe Vassallo, du warst Fernsehmoderatorin, du hast Theater gespielt,
du singst... Du bist noch ganz jung und dennoch bekommt man den Eindruck, du
hättest bereits mehrere Leben gelebt... Wie siehst du das ?
Marthe Vassallo (M.V.): Wenn man mehrere Leben zur gleichen Zeit führt, dann ist es sehr schwierig ein Resumé zu ziehen. Sagen wir mal so: mit zwölf Jahren habe ich mir gesagt "das Theater ist mein Ding", mit fünfzehn hieß es dann "entweder das Theater oder das Studium alter Schriften, wenn möglich bretonischer Manuskripte", mit zwanzig hieß es dann " sicher nicht die Universität und vielleicht auch nicht mehr das Theater".
Gleichzeitig ist mir mit siebzehn das Fernsehen untergekommen und noch viele
andere Dinge waren da - ich habe alles ausprobiert, alles hat mich interessiert...
Und immer war da etwas, das mich die ganze Zeit begleitet hat von Anfang an,
es war dermaßen gegenwärtig, dass ich es nicht mal richtig wahrgenommen habe: das war der Gesang. Jahrelang, ich habe herumprobiert, ich habe selektiert... und geblieben sind der Gesang und die Bühne.
PB: Und als Sängerin kennt man dich auch in der Bretagne. Wie hast du es gelernt ? Erzähl uns von den Anfängen.
M.V.: Wie gesagt, ich habe immer das gesungen (und gelernt), was mir gefiel
ohne groß darüber nachzudenken. So im Alter von fünfzehn oder sechszehn Jahren wurde ich mir dessen bewusst. Das Publikum und ich, wir hatten wirklich unser Vergnügen
an der Sache...
Als ich dann anfing bretonisch zu sprechen, da war es nur eine logische Folge,
auch bretonisch zu singen. Danach folgten eine Reihe von Begegnungen, Dastum,
Marcel Guilloux, Erik Marchand (und Manu Kerjean, ein einzigartiger Künstler), Nolùen Le Buhé und Annie Ebrel, Ifig Troadeg, Bernard Lasbleiz, selbstverständlich meine Partner/Partnerinnen Ronan Guéblez
und Nanda Troadeg, etc., und das sind nur die ersten und wichtigsten...
Jede dieser Begegnungen war eine Lektion, jede dieser Personen beeinflusste mehr
oder weniger die Form, die sich herausbildete. Danach, so mit 22, 23 Jahren hatte
ich Lust, meine technischen Probleme anzugehen und so kam es, dass ich mit Ilham
Loulidi zusammengearbeitet habe, danach mit Agnès Brosset (und dass ich
bei der Oper gelandet bin!).
PB: Du hast die unterschiedlichsten und vielfältigsten musikalischen
Erfahrungen gemacht. Deine ersten Versuche mit dem bretonischen Gesang haben
dich dann zur fest-noz-Szene gebracht ?
M.V.: Das war kein Zufall, darauf hatte ich schon immer sehr große Lust. Ich beobachtete die Sänger bei den festoù-noz, ich war davon begeistert ! Ich geduldete mich ein, zwei Jahre, so lange, bis ich so einigermaßen bretonisch sprechen konnte. In der Zwischenzeit hatte ich die "gwerzioù" (die bretonischen Gesänge) kennen gelernt und seitdem schwankt mein Herz... All die anderen Erfahrungen kamen erst später,
als ich mich entschieden hatte, mich voll und ganz dem Gesang zu widmen.
PB: Kannst du uns etwas über Loened Fall erzählen ?
M.V.: Das ging alles von Marc Thouénon und Sabine Le Coadou aus. Die Folge waren sechs zwanglose und unkomplizierte gemeinsame Jahre. Es gelang uns, einen sehr intensiven Kontakt mit dem Publikum aufzubauen und ich glaube, dass das noch anhält. Ein Grund dafür
ist sicher, dass Loened Fall von seiner Grundstruktur her eine Fest-Noz-Gruppe
ist.
In dieser Zeit habe ich verstanden, dass das Fest-Noz eine ganz einzigartige
Situation darstellt, total anders als ein Konzert oder auch ein "bal". In musikalischer Hinsicht, in sozialer Hinsicht, das alles funktioniert nur in dieser Situation. Loened Fall existiert nur für und durch diese ganz besonderen Umstände: die Beziehung mit den Leuten, die Szene, die Musik... das ist alles ganz einzigartig. Am Ende stehen dann eine berauschende Energie und Freiheit - aber das hat auch damit zu tun, dass wir uns andauernd in Frage stellen und dass am Ende immer wieder der Tanz und die großen Sänger
und Musiker stehen.
Darüber hinaus sind Sabine und Hervé wirklich sehr geduldig, was die Streiche angeht, die Ronan und ich improvisieren... Das ist nie abgesprochen und das könnte auch totalen Ärger geben, aber das gehört zu unserer Art von Freiheit. Das ist unsere eigene Art von "wir sind unter uns und wir können uns einfach gehen lassen" mit dem Publikum, wobei wir jedoch immer ganz genau die Grenzen des Respekts beachten. Wir haben nie und wir werden nie irgendwelche üblen
Streiche gespielt. Das ist nicht drin!
Noch etwas anderes: gerade jetzt fragen sich viele, ob meine Aktivitäten nicht zur Folge haben, dass ich bei Loened Fall aussteigen muß. Aber darum geht es gar nicht ! was natürlich kommt, schon von Anfang an, das ist, dass Ronan und ich manchmal wegen anderer Beschäftigungen ausfallen und ersetzt werden müssen. Das ist unvermeidlich, weil die Termine für die festoù-noz schon sehr frühzeitig festgelegt werden und so alles andere blockieren würde - und wenn das so wäre, dann müsste ich damit aufhören...
ber es gibt wirklich erstklassige Ersatzleute, Nolùen Le Buhé, Marcel Guilloux oder auch Nanda Troadeg, Christian Rivoalen... Das bringt dann auch jedes Mal eine ganz neue Energie in die Gruppe und genau das macht ja auch Loened Fall aus: hier geht es vor allem ums Zuhören und um die Interaktion, zwischen uns und zwischen uns und den Tänzern.
PB: Sie und Philippe Olivier, sie sind das Duo Bugel Koar, Gesang und Akkordeon. Wie hat sich das entwickelt ?
M.V.: Wir haben einander gehört und daraus entwickelte sich die Lust, zusammen etwas zu machen. Das Projekt Bugel Koar hat sich in all seiner Einzigartigkeit nach und nach herauskristallisiert in dem Maß, in dem wir unsere gemeinsamen Möglichkeiten erforscht haben. Es stellte sich jedoch heraus, dass genau dieses Projekt viel Spielraum für unsere Vorstellungen und Träume bietet. "Ar Solier", die Aufführung und später auch das Album sind nach und nach herangereift: zuerst haben wir uns gegenseitig immer weiter vorangetrieben, und immer weiter, zuerst nur wir beide, dann mit einer ganzen Gruppe und mit Madelaine Louarn, die das ganze in Szene gesetzt hat (ganz wunderbar hat sie das gemacht !), mit der Unterstützung etlicher öffentlicher
Einrichtungen, mit Hilfe der Festivalorganisatoren und der Theater...
Und so nach und nach haben wir bemerkt, dass wir - mehr oder weniger bewusst
- immer mehr Dinge realisierten, die uns sehr wichtig waren, und das mit unseren
eigenen Worten und in der traditionellen Ausdrucksweise. Wir wollen das mit einer
möglichst großen Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit ausdrücken, in den Kompositionen - diese ganz besondere Klangfarbe und die Musik von Philippe - ebenso wie in den Worten. Ich glaube, dass sich die Leute genau dort wiederfinden können, das ist es was sie berührt,
auch wenn es sehr schwierig und nicht immer angenehm ist, sie wissen, dass es
authentisch ist. Das ist also unser heiliger Gral...
PB: Ist es nicht sehr kompliziert für dich, oder verwirrend, so von einem Genre zum anderen zu wechseln, von den festoù-noz zur intimen und leisen Szene wie bei "Ar Solier" ?
M.V.: Ja, aber genau das ist ja das was ich mag... Dadurch entsteht das
Gefühl, mehrere Leben zu leben - oder einfacher ausgedrückt, nichts von meiner Persönlichkeit zu verlieren...
Man hat mir schon gesagt: "Das liegt daran, dass du immer noch auf der Suche
nach dir selbst bist. Wenn du einmal deinen Weg gefunden hast, dann ist das vorbei."
Ich habe aber den Eindruck, dass ich meinen Weg bereits gefunden habe und er
besteht genau darin, von einer Welt in die andere zu reisen und das zu tun, was
alle Reisenden tun: lernen, alles was überflüssig ist, beiseite zu lassen, ganz einfach lernen und das von einem Planeten zum anderen mitzunehmen, was mein beschränktes Verständnis
an Interessantem entdecken kann...
PB: Das Album "Ar Solier", das bei An Naer herausgekommen ist, erhält demnächst
den "grand prix du disque Produit en Bretagne". Im Gegensatz zu Jean-Michel Veillon werden Sie diesen Preis nicht ablehnen ?
M.V.: Um dir eine wirklich angemessene Antwort auf diese Frage zu geben fehlt mir hier die Zeit.
Ich möchte das ganz ehrlich einmal so formulieren: die Ankündigung dieser Auszeichnung hat mich in eine enorme Verlegenheit gestürzt weil ich die Fragestellungen und die Widerstände von Jean-Michel durchaus teile. Ihm war es wichtiger, sich selbst treu zu bleiben so wichtig, dass er den Preis abgelehnt hat. Das ist eine Entscheidung, die ich respektiere, die ich für mich selber jedoch nicht getroffen habe. Zum einen aus Solidarität mit An Naer, zum anderen weil die diesjährige Preisverleihung einige interessante Widersprüche
mit sich brachte.
Der eine Widerspruch besteht darin, dass "Produit en Bretagne" ein Zusammenschluss
von Unternehmen ist und dass alle drei Preise an An Naer-Produktionen gingen.
Und das sind alles Projekte, die in einer Freiheit und einem Risikobewusstsein
entstanden sind, die weit über das gewöhnliche Selbstverständnis eines normalen Unternehmens hinausgehen. Anders ausgedrückt, die Unternehmen haben Projekte ausgezeichnet, die sie selber niemals selber verwirklicht hätten...
Der andere Widerspruch und eines der Dinge, die mich an "Produit en Bretagne" am meisten stören ist die sterile Art und Weise, die Bretagne als Supermarkt-Angebot zu präsentieren: eine Identität, die leicht zu verstehen ist, damit man sie leicht konsumieren kann, ein Land ohne "Gräten und Innereien", ein Disneyland ohne Widersprüche, in dem keinerlei Zweifel zugelassen sind. Und da die Preise an herausragende Platten gegangen sind, die überhaupt nichts mit dieser ganzen celtomanischen Geheimnistuerei gemein haben, vielmehr an Platten, die etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben, irgendwie, Platten, die nicht verkünden, "wir sind Bretonen, was für ein Glück, super!".
Unsere beispielsweise spricht mehr von Verlust, von der Schwierigkeit dazu zu
gehören, von der Erinnerung , die voller Schatten und Blut ist... Nichts, was man als besonders kommerziell bezeichnen könnte
!
Ich glaube, diese Widersprüche ergeben sich nicht aus purem Zufall: vielleicht ist es genau das, was die Jury eigentlich wollte. Es ist diese Sichtweise, die mich dazu bewogen hat, den Preis anzunehmen, so ein ganz naiver Stolz, zu glauben, dass meine kleine Stimme diesen vorherrschenden Diskurs durchbricht und mir eventuell einen Weg eröffnet, der mich weiterbringt, ohne meine Inhalte zu ändern. Mache ich damit vielleicht etwas falsch(es) ? Die Zukunft wird es mir zeigen. Ich bleibe wachsam und ich denke darüber
nach...
PB: Deine eindeutige Verurteilung der Gewalt und derjenigen, die in
der Bretagne Gewalt unterstützt oder angewandt haben, hat dir auch Kritik
eingebracht. Willst du etwas dazu sagen ?
M.V.: Das ist viel Lärm um nichts. Mir geht es da um drei Dinge: zum einen herrscht die (geistige) Beschränktheit nicht immer dort vor, wo man sie am ehesten vermutet - ich erhielt positive Reaktionen, sogar Unterstützung, wo ich sie nicht erwartet hätte. Zweitens gibt es da im Internet jemanden, der hartnäckig darauf beharrt, dass ich etwas gesagt habe, was ich niemals gesagt habe: das ist wirklich sehr, sehr verrückt... und drittens hat man sich bei "Breizh Infos" einen Spaß daraus gemacht, im Forum einen Beitrag zu veröffentlichen, von dem der angebliche Autor selber überhaupt
nichts wusste - sehr komisch, oder ?
In Sachen Gewalt möchte ich noch folgendes ergänzen: ich bin nicht absolut gegen jede Gewalt. Die Résistance, die ich bewundere ( auch wenn ich nicht die Unverfrorenheit besitze, zu behaupten, dass ich denselben Mut gehabt hätte mit dem Rücken zur Wand...), gab sich nicht damit zufrieden, lediglich politische Pamphlete zu verteilen. Ich glaube, dass man in einer Welt wie der des Nationalsozialismus, wo die körperliche Gewalt zur Normalität wird und sogar in Gesetzen festgeschrieben wird, wo sie sogar verherrlicht wird, in dieser Welt ist die Gewaltlosigkeit ohnmächtig (der Pazifismus kann nur dann funktionieren, wenn der Gewalttäter
von der Gesellschaft - wenigstens moralisch - verurteilt werden kann: im Amerika
von Martin Luther King, im britischen Reich eines Gandhi... oder im heutigen
Europa).
Aber das Frankreich der Gegenwart, das ist nicht dasselbe Frankreich wie 1941,
ebenso wenig wie Spanien heute noch Francos Spanien ist. Wenn ich mich so umschaue,
dann kann ich viele Dinge sehen, die es rechtfertigen, dass man die Ärmel hochkrempelt - aber nichts steht dafür, dass man das Leben anderer in Gefahr bringt, um ihnen den eigenen Willen aufzuzwingen. Über
die Ungerechtigkeit, die Ungleichheit und den Wahnsinn sprechen (beispielsweise,
dass es da Leute gibt, die sich seit zwei Jahren in Untersuchungshaft befinden),
unbedingt !
Aber von der Unterdrückung zu sprechen und davon, das Joch abzuschütteln, das hat nicht mal was mit Paranoia zu tun, das ist nur kindisch, so in der Art "ich muß muß mich wichtig machen, damit dann alle gegen mich sind".
PB: Ich stelle mir das so vor, dass es bei dir eine Unmenge von Projekten gibt. Kannst du den Lesern etwas dazu sagen ?
M.V.: Bugel Koar kommt wieder ! Die nächste Aufführung wird bereits vorbereitet und dürfte im nächsten Winter soweit sein, dass wir es der Öffentlichkeit vorstellen werden, im "la Passarelle" dem Nationaltheater in Saint-Brieuc. (Es heißt "Nebaon!" ("Fürchte dich") und wurde im Dezember 2002 in Saint-Brieuc uraufgeführt).
Das freut mich total, von einer Aufführung an diesem Ort habe ich schon immer geträumt (ein kleines Theater im italienischen stil). Die Unterstützung ist wirklich gut und das Team ebenso... Die Veröffentlichung des neuen Albums ist für das Frühjahr 2004 vorgesehen.
Auch das Abenteuer Sula Bassana (Jazz, afrikanische und bretonische Musik) geht weiter (in Carhaix, Anfang März 2002), Azeliz Iza tourt weiter durch die Lande ebenso wie die aktuelle Inszenierung von Bugel koar. Dann natürlich Loened Fall, auch da wird es demnächst
ein neues Album geben... (voraussichtlich im Herbst 2003)
Und dann sind da noch einige andere sehr interessante Projekte, vor allem eine
Neuschöpfung mit Gaby Kerdoncuff, die im Frühjahr zur Aufführung kommen soll... ("les créations de la Coopérative", Mai 2002 in Glomel - Anm. des Übersetzers)
Und selbstverständlich weiterlernen, immer mehr und überall !
In einem Herbst wie diesem ist es natürlich etwas merkwürdig, wenn man sagt, dass man glücklich ist, merkwürdig, sich ganz der Musik zu widmen - aber ich habe mir auch gesagt, dass genau darin unsere Rolle als Künstler besteht: es ist wichtiger als jemals zuvor, Ausdrucksmittel zu finden und anderen die Worte und Träume vorzuschlagen, das Glück
des Augenblicks zu pflegen wie eine Heilpflanze...
(Übersetzung: Willi Rodrian, 2003)
Discographie:
1993, Gwerzioù et chant de Haute-Voix (France 3 Ouest)
1996, Skoulad ar Gouroug (TES)
1998, 20 Vloaz Diwan (Ciré Jaune)
1998, Loened Fall: An Deiziou zo Berr (An Naer Produksion)
1999, Instruments du Diable, Musiques des Anges (Dastum)
2000, Bugel Koar: Ar Solier (An Naer Produksion)
2001, Azeliz Iza (Keltia Musique)
2001, Skaliero: Beg ar vins (Keltia Musique)
2002, Gilles Le Bigot: empreintes (Keltia Musique)
2003, Loened Fall: À l'état
sauvage (An Naer Produksion)
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