Patrick Ewen, Gérard Delahaye und Melaine Favennec begannen ihre Karrieren als Sänger
und Musiker in den 70er-Jahren. Im Laufe der Zeit erkannte man ihr Talent und
die Bedeutung ihrer Kompositionen in der Bretagne.
Vereint durch die Gründung der Kooperative Névénoé beschlossen sie, dass jeder seinen eigenen Weg gehen solle. Schließlich wollte der Zufall es aber, dass sie sich, dank der Violine und ihrer Freundschaft, anders entschieden. Aktueller Beleg dafür
ist Kann Tri, ein sehr schönes Konzert, das sowohl auf Platte als auch auf der Bühne von beeindruckender Schönheit
ist.
Die neue gemeinsame Gegenwart
Wenn man sie darauf anspricht, dann sagen sie alle wie im Chor: "Eigentlich haben wir uns nie getrennt. So um 1980 herum ist jedervon uns seinen eigenen Weg gegangen, aber wir blieben uns nah, und sei es auch nur wegen der gemeinsamen Feste." Da gab es eine zufällige Begegnung am Markt von Rabelai de Chinon, dann eine Stippvisite von Patrick und Melaine im Studio von Gérard
Delahaye - gerade so lange, um eine CD aufzunehmen... sie sind sich einig, dass
bei dieser Gelegenheit, als sie die Geigen aus den Koffern holten, etwas Neues
begann. Aber so solide die Freundschaft auch sein mag, sie reicht nicht aus,
um ein gemeinsames Musikprojekt zu realisieren. "Wir mussten uns einander
erst wieder nähern. Jeder von uns hatte seine eigene Art, seine Auftritte und seine eigenen Perspektiven. Die Wiederannäherung bestand darin, all dies zu zu überwinden,
um an den Punkt zu gelangen, an dem wir uns heute wieder getroffen haben."
Und die Freunde sind noch in einem weiteren Punkt einig: Ihre neue Bühnenshow wirkt entspannt - ohne dass einer mehr macht als die anderen, verschafft ihnen der Auftritt von Beginn an Zufriedenheit. Das geht soweit, dass sie alle mit großer
Freude von ihrer Arbeit sprechen, dass man ihnen die Freude an der Arbeit ansehen
kann.
G.Delahaye führt dies genauer aus: "Was an dieser Geschichte wichtig ist, das ist dass alles aus schönen gemeinsamen Momenten entstanden ist, in den wir Violine spielten. Es ist kein Zufall, dass wir auf dem CD-Cover alle mit diesem Instrument zu sehen sind. Das Singen kam erst später dazu. Das war komplizierter, da wir sehr unterschiedliche ästhetische
Vorstellungen haben. Die Worte trennten uns eher - die Instrumentierung war das
verbindende Element."
Névénoé - ein Neubeginn der Kooperative ?
Die Wiedervereinigung des Trio EDF erweckt zwangsläufig eine sehr fruchtbare Phase bretonischer Ausdrucksmöglichkeit wieder zum Leben: eine Kooperative von Sängern, Dichtern und Musikern, die 1970 unter dem Namen Névénoé enstanden
war.
"Die Idee des Kollektivs findet sich auch heute noch in unserer Art zu arbeiten
und in unserem Bedürfnis gleichberechtigt zu sein. Der Grundgedanke von Névénoé war,
zu zeigen, dass alle Menschen gleichwertig sind. Dies wurde quasi als Dekret
formuliert, diese Ausgangshypothese war in der Tat ein Gesetz, dem wir gehorchten.
Als das dann zu belastend wurde, haben wir den Drang gespürt, das aufbrechen zu wollen. Aber diese gemeinsame Periode hat uns eine bestimmte ästhetische, soziale und politische Identität verschafft, die bis heute Teil unseres Selbstverständnisses ist. Heute haben wir dieses Gesetz verinnerlicht, ohne dass es aufgezwungen wäre. Es wurde quasi zur inneren Haltung anstelle einer politischen Einstellung. Die Zeit mit Névénoé hat
uns schon sehr radikalisiert - das ging soweit, dass wir als schwierig und exzessif
galten.
Wir hatten diese Chance einer ganz bestimmten Lebendigkeit, darum fühlt man, dass auch nach all den Jahren noch etwas davon überlebt."
Was dann die Bildung des Trios tatsächlich beschleunigt hat, das war ein Engagement. Patrick Ewen verbrachte einen Tag auf dem Festival de Pont Croix und sprach dort mit den Organisatoren über die Pläne
des Trios. Die waren sofort hell begeistert und interessiert.
"Nun waren wir wirklich gezwungen zu handeln. Zu Beginn warfen wir unser gesamtes Repertoire auf den Tisch und sortierten aus. Zuletzt hatten wir all das zusammengestellt, was Grundlage für unseren ersten Auftritt war. Das ermöglichte es uns, das nicht jeder für sich alleine auftrat, sondern dass wir als Einheit auf der Bühne
stehen konnten.
Von da an konnten wir Stücke schreiben, die unser gemeinsames, spezifisches
Ding waren."
Dieser Auftritt ermöglichte es ihnen, voneinander zu lernen: wer spielt
wie, wer arrangiert auf welche Weise, wie geht der einzelne jeweils mit dem Publikum
um...
"Das ist enorm. Nach 30 Jahren im Job denkt man, man hat doch schon einen
gewissen Erfahrungsschatz angesammelt, und dann entdeckt man, dass da noch soviel
möglich ist.
So passiert es beispielsweise, dass durch diese Zusammenarbeit, in die dich
jeder von uns mit seiner Persönlichkeit eingebracht hat, unsere Arrangements
ein ganz neues Eigenleben entwickeln."
Andere wiederum sind Belege einer zarten Entwicklung, wie zum Beispiel "L'île de Batz". Für Patrick markiert dieses Lied einen Wendepunkt in Melaines kreativem Vorgehen und auch in seiner Weise sich auszudrücken.
"Er hat eine Einfachheit erreicht in seiner Art zu schreiben, die er vorher
nicht hatte - da war er eher surrealistisch. Ich habe nicht immer alles verstanden.
Von Gérard und mir kann man sagen, dass wir uns seit langem sehr nahe stehen. Es gab Mélaine gegenüber
eine gewisse Konkurrenz seinerseits.
Das war bei mir nie so. Jetzt ist es eher so, dass ich von Melaines Gesang und
von Gesprächen mit ihm tief berührt bin - ebenso von Diskussionen mit ihm. Unsere Nähe
hat sich wirklich sehr entwickelt seit wir uns als Gruppe formiert haben."
Indem sie nach und nach ihr Programm vorstellen geben die drei auch zu, dass hinter jedem Lied eine Geschichte und Erinnerungen stecken.
Um ein Beispiel zu geben: "Kisses sweeter than wine" symbolisiert das Treffen 1968 von Patrick und Gérard im Rahmen eines amerikanischen Folksfestivals in Brest. Oder "E kreiz an noz", eines der bekannten Lieder des großartigen Liedermachers Youenn Gwernig, den Patrick und Gérard bei seiner Rückkehr aus den USA begleiteten. Melaine kannte ihn durch seine Familie und deren Freundeskreis - für
ihn ist er ein lebender Mythos seiner Kindheit.
Mit dem traditionellen Stil, in dem sie ihre Titel oft gestalten, bewältigen sie auch dramatische Themen wie beispielsweise das des Algerienkrieges, indem sie das Thema in eine gewissen "Zeitlosigkeit" verpacken. Sie sind der Meinung, dass auch die alten Ausdrucksweisen trotz aller Modernität unseres gegenwärtigen künstlerischen
Ausdrucks immmer noch eine Daseinsberechtigung haben.
In Ihren Augen beinhaltet das traditionelle Liedgut, auch wenn es seine Qualitäten besaß, dennoch eine Schwäche in dem Sinne, dass es nicht von unserer Gegenwart spricht. Im diesem Zusammenhang begrüßen sie auch Ansätze,
wie den der Gruppe Katé Mé, Inhalte unseres modernen Lebens mit Ausdrucksformen traditioneller Musik verbinden.
"Das ist in etwa das, was wir mit dem Lied "Chaque jour est un nouveau jour" zu entwickeln versucht haben. Das ist ein Lied, das zwischen bretonisch und französisch wechselt, ein Lied über
eine Grenze, in der die Liebenden zwischen Vergangenheit und Gegenwart von einem
Ort zum anderen wechseln."
Die Tradition der Gwerziou und Sonioù mit ihren eher eingeschränkten Themen und ihrem Maß an Traurigkeit geht auf sehr alte Zeiten zurück. Erst mit Glenmor kam eine neue Liedgut-Kultur in der Bretagne auf, in der stark politische Inhalte maßgeblich
waren.
Engagiert euch wie sie es gesagt haben!
Mit diesem Thema bewegt man sich auf dünnem Eis. Dem Beispiel von Glenmor, Gweltaz Ar Fur und Kirjuel folgend, die das Wort sowohl für die vergangene als auch die aktuelle Bretagne ergriffen haben, schrieben Delahaye und Favennec ebenso ihre engagierten Stücke, aber ihrer eigenen Einschätzung nach eher in einem größeren,
globaleren Sinne.
Als Trio mit Patrick Even bestätigen sie heute, dass sich ihr Engagement vor allem in der Verteidigung einer musikalischen Tradition ansiedelt. Es geht um eine ganz bestimmte Art, Musik wahrzunehmen, die bretonische Sprache zu respektieren, dieser Landschaft gerecht zu werden und all dies mit der Musik zu beschreiben. Schließlich geht es auch darum, sich konkret zur bretonischen Gemeinschaft zu bekennen, sich ihr zu verschreiben um sie nach innen und außen
zu leben.
"Von da an verspürten wir nicht mehr den systematischen Wunsch, ausschließlich engagierte Lieder zu machen. Das hindert uns nicht, auch mal deutlich zu sagen, was wir denken, aber das ist nicht unser vordringliches Ziel. Es geht uns ehr darum, die Leute zusammenzubringen. Wenn wir von der Bühne gehen und sie sich anschließend mit uns zusammensetzen, dan habe ich das Gefühl,
dass sie sich in uns schon wiedererkennen" sagt Delahaye.
"Da muß man gar nicht gegen dies oder jenes wettern. Wir waren dabei,
wir haben miteinander geredet und die Leute sagen sich: Prima, wir leben hier
in der Bretagne und diese drei da, die besingen das, was wir empfinden, was wir
lieben."
Patrick ist skeptisch wegen der Renten, der Haltung der Regierung, der OGCS, der Schulen...
"Wir nähern uns nun einer Gesellschaftsform, von der wir soviel gehört haben. Da was sich da abzeichnet, das ist schlimmer, als jeder Science Fiction Film. Man merkt aber, wenn man mit den Leuten redet, dass sie ganz und gar nicht einverstanden sind mit dieser Form eines autoritärem
System.
Ich spüre intuitiv, dass etwas sehr Schlimmes passiert. Wie aber erklärt man das den Leuten, ohne sie vor den Kopf zu stoßen, wenn die Mehrzahl nicht sieht, was sich da zusammenbraut, selbst wenn man einigermaßen
wach im Hirn ist."
Das ist eine Frage der Form und der Vermittlung. Melaine Favennec zum Beispiel stellt das so dar:
"Ich habe herausgefunden, dass mein Verhalten auf der Bühne, seit mein erstes Album 1975 bei Névénoé erschienen ist, immer von einer bestimmten positiven Einstellung geprägt ist. Als ich "joie de vivre" von Emile Verhaeren gesungen habe, habe ich mich, wie viele junge Leute, auch mit dem Thema Selbstmord befasst. Danach hab ich mir gesagt: Jetzt, wo du dich also nicht umgebracht hast, musst du Mut haben. Und der Mut besteht darin, vom Protest wegzugehen, indem man dieser Welt ein positives Modell entgegenhält.
Anstatt zu sagen: alles Scheiße, geht es darum den Versuch zu unternehmen, überall was Gutes zu finden, einen Strauß daraus
zu binden und ihn den Leuten unter die Nase zu halten.
Was uns alle drei angeht, so ist es prima, dass die Leute mit ihren Emotionen auf uns zukommen. Vielleicht ist eben das unsere Art uns einzubringen jenseits eines engagierten Diskurses."
(Übersetzung: Petra Rodrian, 2004)
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