Dremmwel ist bretonisch und heißt Horizont. Ein Name, der im Laufe der
Entwicklung der Gruppe eine ganz neue Bedeutung erfahren hat. Ausgehend von einer
zu Beginn rein lokalen Erfahrung ergab sich später oft genug die Gelegenheit,
in alle Himmelsrichtungen zu reisen... Die 3. "Nuit Glazig" und die
neue, 3. CD der Gruppe Dremmwel sind der Anlass für das nachstehende Interview
mit Dominique Le Guichaoua...
20 Jahre, da gibt es eine Menge zu erzählen...

"Dremmwel, heute 20 Jahre alt, ergab sich ursprünglich rein zufällig.
Eine Kopfgeburt von 2 von uns. Eine Partnerstadt in Wales hatte uns eingeladen.
Dort begegneten wir anderen bretonischen Musikern und hatten reichlich Zeit tot
zu schlagen...
In den Pubs begannen wir zusammen zu spielen. Die Anfänge von Dremmwel
unterscheiden sich in keiner Hinsicht von den ersten Schritten anderer Gruppen
auf der Suche nach etwas eigenem. Von Anfang an war jedoch klar, dass wir vor
allem bretonische Musik spielen würden, manchmal sehr extrem aufgrund des
Fehlens von Harmonien. Wegen unserer anfänglichen Unbeholfenheit und aufgrund
anderer Anforderungen probierten wir von nach und nach verschiedene Varianten
aus, was manchmal zu erstaunlichen instrumentalen Besetzungen führte. Wir
orientierten uns aber auch immer an der Geschichte der bretonischen Musik. In
der Anfangszeit, die ersten 10 Jahre, die schnell vergingen, gab es etliche Wechsel
in der Besetzung und jede Veränderung hatte auch musikalische Folgen. Von
der Besetzung Drehleier mit Bombarde, Biniou und Akkordeon wechselten wir schamlos
zu Piano, Synthesizer, Samples, Rhythmusgerät und Trommel, um dann schließlich
sehr schnell wieder zu einer Instrumentierung zurückzukommen, deren Grundlage
diverse Saiteninstrumente waren (Bouzouki, Gitarre)."
Wenn die Harfe tanzt... !
"1993 stabilisierte sich die Gruppe. Mit Daniel Cadiou (Gitarre) und
Marin Lhopiteau (keltische Harfe) kamen neue Mitglieder und neue Töne in
die Band. Die beiden hatten zuvor bereits zusammen gespielt. Der Sound von Dremmwel
kristallisierte sich heraus. Wir mussten unser Publikum nur noch davon überzeugen,
dass es möglich war, mit der Harfe Tanzmusik zu spielen. Das war nicht so
schwer, aber damals fand man die Harfe nur selten bei den Fest-Noz-Gruppen und
einige hatten so ihre Zweifel, dass das funktionieren könnte. Die bretonischen
Tänze, die bis zu diesem Zeitpunkt auf der Harfe gespielt wurden, waren
zu sehr in Anlehnung an die klassische Musik arrangiert worden.
Der wichtigste Aspekt aus unserer Sicht besteht in der Entwicklung einer breiten
instrumentellen Palette in Verbindung mit den Grundlagen der bretonischen Musik...
Als dann vor 5 Jahren unser Schlagzeuger und Percussionist Eric Savina hinzukam,
hat uns das ein weiteres Mal dazu gebracht, unser Zusammenspiel zu überdenken.
Es ist jedoch notwendig, sich in Erinnerung zu rufen, von welch großer
Bedeutung die best mögliche Kenntnis der Geschichte der Musik ist, die man
spielt. Wir haben die Tanzmusik immer so arrangiert, dass sie auch für Zuhörer
interessant anzuhören ist, die nicht unbedingt begeisterte Tänzer sind.
Wir wurde immer häufiger dazu aufgefordert auf ganz anderen Bühnen
als bei festoù-noz aufzutreten. Also haben wir unser Repertoire ausgebaut
und immer mehr Themen und Kompositionen integriert, die es uns schon jetzt erlaubt,
ein sehr persönliches und mitreißendes Bild der Bretagne zu präsentieren.

Zu Dremmwel gehören heute Daniel Cadiou (Gitarre), Marin Lhopiteau (keltische
Harfe), Geige), Dominique Le Guichaoua (diaton. Akkordeon, Binioù, low
whistle, Gesang, René Marchand (Bombarde, Veuze, Gesang) und Eric Savina
(Schlagzeug, Percussion)."
Stücke, Ressorts, Abenteuer...
"Bei uns funktioniert das ganz einfach: die Stücke werden auf den
Grundlagen unserer Recherchen im traditionellen Bereich und in den Archiven entwickelt,
die verschiedenen Elemente werden zusammengesetzt und die Harmonien werden hinzugefügt.
Aber die Musik verändert sich ständig. Man hört andere Gruppen,
Platten und heute natürlich auch durch das Internet. Wir reagieren auch
auf die unterschiedlichsten Anfragen – oftmals sehr überraschende: bei einer
Begegnung in Schottland haben wir eine Amerika-Tournee vereinbart, dann hat uns
jemand völlig unbekannter angerufen aus dem Herzen Europas und wir fanden
uns gemeinsam mit René Zosso und René Clementic in der Mittelalterszene
wieder. Einer Einladung nach England folgend, kam es zu einer Tournee, die uns
von der Oper in Cardiff bis zum "Small Nations Festival" (Wales) führte.
Gemeinsam mit Patty Smith sind wir auf einem belgischen Sampler vertreten. Wir
spielten in Bedford, wo John Houston "Moby Dick" gedreht hat und im "La
Mounède" in Toulouse, wo Musiker aus der ganzen Welt auftreten.
Wir
spielen auch und vor allem auf Festivals, bei den festoù-noz in
den kleinen Städten und Dörfern, wenn nicht sogar bei den Leuten zu
Hause oder an bestimmten zauberhaften Orten, wie dem "Carré des Larrons" in
Concarneau. Es gibt e-mails zu beantworten, die ganz unerwartet von irgendwoher
kommen und manchmal hören wir unsere Musik im Soundtrack eines Films wieder.
Da erfahren wir, dass die Musik von einer bestimmten Schifffahrtslinie verwendet
wird und wir entscheiden uns, Feuer zu spucken über den Köpfen der
Tänzer, während wir weiter spielen...
Wir nutzen sehr gerne jede Gelegenheit, um (musikalische) Begegnungen zu festzuhalten,
auf Platte, auf der Bühne oder auch im Leben: so wird beispielsweise das
Lied, das wir mit den "Kanerien Langazell" aufgenommen haben, immer
noch vertrieben. Der nordamerikanische Gitarrist David Surette, der im Rahmen
eines Konzertes bei ihm zu Hause spontan mitspielte, der junge Mael Lhopiteau,
der mit 12 Jahren bei den Aufnahmen zu unserer 2. Platte mitmachte und Musiker
aus den verschiedensten Richtungen, die wir bisweilen auffordern, mit uns zusammen
zu spielen. Und dann ist da natürlich Louise Ebrel, mit der wir schon seit
einigen Jahren regelmäßig zusammen arbeiten (bspw. in dem Konzertprogramm "Un
tamm amzer", mit Louise Ebrel und Ifig Flatrès, das es jetzt auch
in einer neuen Fassung nur mit Louise gibt). Wir reaktivieren auch "schlafende
Ressourcen", um Musiker auf der Durchreise einzuladen, die irgendwie reinschneien.
Die Gruppe fungiert manchmal auch als Vermittler, um Musiker, die wir im Ausland
kennen gelernt haben, einladen zu können, in der Bretagne zu spielen.

Die "Nuits Glazig"...
"Die Nuit Glazig, das ist ein Konzept, das wir bei unserem 15-jährigen
Jubiläum ins Leben gerufen haben. Der Name fand sich aufgrund einer ganz
persönlichen Erfahrung: das war die "Nuit des Menhirs", einer
erinnerungswürdigen Veranstaltung. Damals standen bei uns vor einem tausendköpfigen
Publikum Musiker aus Wales, Schottland und der Bretagne auf der Bühne und
feierten den 10. Jahrestag der "Distillerie des Menhirs", die einen
sehr speziellen Whiskey produziert auf der Grundlage von Buchweizenmehl.
Die Nuit Glazig ist keine regelmäßige Veranstaltung. Wir veranstalten
sie immer dann, wenn wir auch Lust darauf haben und immer nur mit der Absicht,
damit eine gemeinsame Bühne für die eingeladenen Musiker zu schaffen.
Eher als eine Art Gegenmittel zur Routine. Wir waren vom Erfolg der ersten Ausgabe
(die mit unserem Jahrestag und dem Erscheinen der CD "Glazig" zusammenhing,
welche vor allem den Tänzern der festoù-noz die regionale Gavotte
aus der Gegend um Quimper wieder nahe bringen sollte) und haben deshalb die 2.
Nuit Glazig organisiert, diesmal ziemlich traditionell, indem wir den "Jabadao" (breton.
Tanz) in den Mittelpunkt stellten. Aus diesem Grund suchten wir die Zusammenarbeit
insbesondere mit dem "War' leur" (Dachverband der breton. Tanzverbände)
für einen Tanzkurs und mit dem Verein "Dastum Bro Gerne", mit
dem wir ein Panorama des Tanzes aus der Region um Quimper präsentierten
auf der Grundlage von Texten und Bildern.
Die
Nuit Glazig Nr. 3 wird sich davon unterscheiden. Anlass ist unser 20-jähriges
Bühnenjubiläum und darüber hinaus beteiligen wir uns diesmal an
einer Art "compil vivante" (lebendige Zusammenstellung), welche die
verschiedenen Arten darstellen soll, wie man zum bretonischen Tanz aufspielen
kann. Der Untertitel "Du très trad à l'électro trad" (in
etwa: von der reinen Tradition zur elektronischen Tradition) weist auf überraschende
Programmpunkte hin. Die Veranstaltung wird auf einen Höhepunkt zustreben
und abwechselnd auf 2 Bühnen Musiker präsentieren, die stilschaffend
waren und sind: Bernard Le Breton & Jean Pierre Hélias, Diaouled Ar
Menez, Safar, Louise Ebrel & Ifig Flatrès, Pascal Lamour mit Mourad
Ait Abdalmalek und André Le Meut, Jean Philippe Mauras & Jean Marc
Lesieur, Dremmwel und andere Gäste...
Zur Zeit wird viel über die Situation der bretonischen Musik gejammert,
aber man wird nicht gleich daran zu Grunde gehen, wenn man neue Ideen suchen
will. Im Gegenteil. Das Problem besteht darin, als Künstler zu überleben
in einem musikalischen Umfeld, das auf den ersten Blick sehr einladen scheint,
in Wirklichkeit jedoch sehr verschlossen und geregelt ist, um nicht zu sagen
vermint. Das muss man im Zusammenhang sehen mit der Tatsache, dass die Plätze,
wo man heute noch spielen kann, verdammt rar werden."
Das 3. Album "Lañs"
"Das erste Album war ein Rundumschlag, die 2 wesentlich mehr themenorientiert
(unsere Region rund um Quimper). Im 3. Album wollen wir Dinge vereinen, die ziemlich
extrem erscheinen könnten, so eine Art Bilanz der vergangenen 20 Jahre.
Es trägt den Titel "Lañs", das ist ein bretonisches Wort
mit mehreren Bedeutungen: Schwung (élan), Fantasie (imagination) und Hilfsbereitschaft
(esprit d'entraide). Es sind Tänze auf dem Album, die nur selten gespielt
werden wie der "dans Leon" oder der "galop nantais", den
wir aus Jux mit dem aus Brest stammenden Quartet "Les Repris de Justesse" in
New Orleans spielen.
Wir haben auch den Kontakt mit Musikern gesucht, die wir persönlich schätzen,
wie bspw. Pascal Lamour, der den "kas a barh" in seinem Studio produziert
hat oder Patrice Marzin, der neben seiner Beteiligung am Mischpult, die Melodien
ganz spontan mit einigen Riffs auf dem Bass oder der Gitarre bereichert hat.
Am wichtigsten bleibt jedoch die Zusammenarbeit mit Louise Ebrel. Das Konzert "Un
Tamm Mazer" hinterlässt seine Spuren (alte und neuere Lieder: "Tan
ha dour" von Mikael Kerne...). Sie hat eine unverkennbare Stimme mit viel "Pfeffer" und
einzigartig durch ihren speziellen bretonischen Akzent. Wir haben das alles mit
gewürzt Klängen aus unserer Umgebung und verschiedensprachigen Beilagen,
die wir bei unseren Reisen aufgenommen haben.
Konzeption und Produktion
"Ein neues Album bedeutet auch wieder eine neue Vorgehensweise und jedes
Mal, einen anderen Klang und eine neue grafische Gestaltung. Was die Gesangsbegleitung
angeht, da geht es jedes Mal darum, zu vermeiden, dass die Stimmen in einer instrumentellen
Sintflut absaufen. Im Vertrauen auf uns und unsere Partner müssen wir nun
das endgültige Abmischen im Studio abwarten und da ergibt sich dann immer
mal wieder die Notwendigkeit, im letzten Moment irgendwelche Probleme zu lösen.
Selbstverständlich wird alles gut tanzbar sein – das ist obligatorisch – und
sich im Einklang mit der Ästhetik der jeweiligen Lieder oder Instrumentierungen
befinden.
Wir
haben die Aufnahmen in Brest und Quimper gemacht unter der Leitung von Patrice
Marzin und das war eine völlig risikolose Entscheidung. In der Bretagne
kennen ihn viele als Mitglied beim Gitarren-Trio "PSG" oder bei der "David
Pasquet Group". Andere interessieren sich vor allem für seine Karriere
als Rockmusiker. Er war etliche Jahre als musikalischer Leiter bei Hubert Felix
Thiéfaine angestellt und hat als Studiomusiker mit Gérard Manset
zusammengearbeitet. In der Bretagne hat er außerdem mehrere Alben für
Gruppen wie "Red Cardell", Soig Sibéril, das "Bagad Kemper" und
erst vor kurzem für Eric Le Lann produziert. Wir suchten genau diese musikalische
Vielfalt, eben diese Offenheit und Herangehensweise für unser Projekt."
Unser Engagement (militantisme) in Sachen Bretagne besteht vor allem darin,
ganz bescheiden das, was wir machen vorzustellen. Das kann jeder halten, wie
er will. Durch unsere Musik, die Texte und die Sprache beteiligen wir uns an
der Auseinandersetzung mit dieser Identität, stoßen wir bestimmte
Dialoge über die Bretagne an und versuchen unseren Beitrag zu leisten !
Was gibt es sonst noch zu sagen ? Ganz einfach, dass all das weiterhin existieren
kann, auch ohne dass die Musik und das Leben grundsätzlich und immer diesen
Beigeschmack eines Kriegszuges haben !"
Kontakt:
Tel.: 0033-(0)2-98 95 82 47, 0033-(0)2-98 94 2907 oder 0033-(0)6-86
76 52 56 - www.dremmwel.com
Discographie:
"Heol loar" (Coop Breizh), "Glazig" (Coop Breizh), "Lañs" (Coop
Breizh)
Übersetzung: Willi Rodrian