
Alistair
Hulett, schottische Singer und Songwriter und astreiner Sozialist war am 24.
März im Cobbler's Irish Pub in Germering zu Gast. Auch bei seinem mittlerweile 2. Auftritt in dieser vor den Toren Münchens gelegenen Oase der keltischen Folkmusik gelang es ihm wieder spielend, das Publikum in kürzeseter
Zeit in seinen Bann zu ziehen.
Alistair Hulett ist ein exzellenter Musiker. Mit seiner ausdrucksstarken Stimme
und seinen beiden Gitarren zaubert er einen dichten und mitreißenden Sound auf die Bühne.
Und dann hat dieser Mann etwas zu sagen und zu erzählen. Dass er das mit dem typische schottischen Schalk und mitunter auch mit einer gehörigen
Portion ironischem Sarkasmus tut, das macht die ganze Sache sehr unterhaltsam
- nicht zuletzt wegen seinem breiten schottischem Slang.
Im ersten Teil seines Auftritts im Cobbler's Irish Pub sang er vor allem die
für ihn so typischen Arbeiter- und Protestlieder, die lautstark die Ausbeutung der Menschen im kapitalistischen System anprangern, wie zum Beispiel in dem Song "the old divide and rule"....
Gut
25 Jahre hat Alistair Hulett in Australien verbracht und dort als Punk-Folk-Rocker
und Mitglied eines Straßentheaterensembles gegen die Ausbeutung der Arbeiter
in den Asbestminen agitiert.
Als Mitglied der Punk-Folk-Gruppe "Roaring Jack" nahm er in den 80er Jahren gemeinsam mit Steph Miller, Davey Williams, Rod Gilchrist und Bob Mannell mehrere Alben auf, die sich vor allem am damaligen Vorbild der irishen Punk-Folker "The Pogues" und
der britischen Punk-Rock-Szene orientierten...
"Blue Murder", der blaue Tod...damit ist das Sterben der Abeiter in den australischen Asbestminen gemeint, die sich noch im vergangenen Jahrhundert für eine one-way-Passage von England nach Australien auf Jahre zur Arbeit in den dortigen Asbestminen vedingten und bald an den Auswirkungen dieser Arbeit elend zugrunde gingen. Alistair Hulett hat sich in seinen australischen Jahren intensiv dafür eingesetzt, dass die Opfer dieser Arbeitsmarktpolitik angemessen entschädigt
werden....

Sein
aktuelles Album "Red Clydeside" erzählt die Geschichte des Arbeiteraufstandes in Glasgow während des ersten Weltkrieges, mit dem die Arbeiter in den dortigen Rüstungsfabriken das Ende des blutigen Gemetzels auf den Schlachtfeldern Europas erzwingen wollten. Im Konzert sang er unter anderem den Titelsong dieses Albums "The Red Clydesides",
der den Protagonisten dieses Aufstandes gewidmet ist...
Als unerschütterlicher Sozialist und Kämpfer für die Sache der Arbeiter und Gewerkschaften ist es selbstverständlich, dass Alistair Hulett den ofiziellen Teil seines Konzertes wie üblich mit der "Internationale" beschloss,
der dann noch etliche Zugaben und ein Interview folgten...
Das Interview mit Alistair Hulett
Du hast eine ganze Reihe von Lieder gesungen, die von deinem letzten Album stammen:
Red Clydeside. Das ist, glaube ich, eine sehr interessante Geschichte....?

Ja,
das ist eine Geschichte, die mich sehr fasziniert hat. Je mehr ich mich damit
beschäftigt habe, desto mehr hat mich diese Geschichte in ihren Bann gezogen.
Es ist eine Art verborgene Geschichte (im historischen Sinn) der Stadt Glasgow.
Viele Leute, die Ihr ganzes Leben in Glasgow verbracht haben, wissen zwar so
ein bisschen davon, was in der Stadt geschehen ist in der Periode zur Zeit des
1.Weltkrieges, viele haben schon mal vom Aufstand der Clyde-Worker gehört - der Clyde ist der Fluß, der durch Glasgow fließt.
Zu dieser Zeit befanden sich in diesem Teil der Stadt viele Werften und Stahlfabriken.
Als dann 1914 der Krieg zwischen Großbritannien und Deutschland ausbrach wurde Glasgow zu einer Stadt, in der sich ein Großteil der Rüstungsindustrie
befand. Hier wurden die Panzer und die Schiffe hergestellt, die Waffen und die
Munition, die benutzt wurden, um Menschen abzuschlachten.
Unter der Führung der Sozialisten entstand eine Anti-Kriegs-Bewegung in Glasgow. Das war vor allem ein gewisser John MacLane (über
den ich viel singe). Das ist der Teil dieser Geschichte, den die meisten Einwohner
von Glasgow kennen.
1919 kam es dann aber fast zu einem gewaltigen Aufstand zwischen der Polizei
und den Arbeitern, der genau im Zentrum der Stadt ausbrach. Militär und Panzer wurden nach Glasgow geschickt, die gesamte Stadt wurde eingeschlossen und eine Ausgangssperre verhängt.
Glasgow
war quasi eine besetzte Stadt. Das war die Antwort der Regierung auf die Ereignisse,
die als "Red Clydeside" bezeichnet werden, auf die Bewegung, die von John MacLane angeführt wurde. Daraus entwickelte sich beinahe eine Revolution und es gab natürlich gewisse Zusammenhänge mit den Ereignissen in Deutschland, die zur Entmachtung des Kaisers führten und im Endeffekt das Ende des Krieges herbeiführten,
da sich die Dinge so schrecklich entwickelt hatten, dass die Arbeiter auf beiden
Seiten zu extremen Mitteln griffen, um das ganze zu beenden.
Bei uns in Glasgow hatten wir eine ganz ähnliche Situation wie ihr hier in Deutschland. Auch der Anführer der Anti-Kriegs-Bewegung in Glasgow kam ins Gefängnis, genauso wie sie Karl Lebknecht aus genau denselben Gründen
einsperrten. Weil er den Krieg als falsch anprangerte und das Ende forderte.
Red Clydeside beim Celtic Connections Festival 2004...

Diese
Geschichte wollte ich erzählen und ich begann nachzuforschen. So schrieb ich schließlich etliche Songs, von denen ich 9 aufgenommen habe, die auf meiner letzten CD zu hören
sind. Damit bin ich viel auf Tournee gewesen, in Schottland und erst vor kurzem
fand in Glasgow das Celtic Connections Festival statt.
Im Rahmen dieses Festivals führten wir diese Geschichte "Red Clydeside" in einem Theater auf, mit Schauspielern, die die Reden der Red Clydesider, der Aufständischen,
vortrugen.
Die Vorstellung war jeden Abend ausverkauft und viele der Zuschauer sprachen
uns nach der Vorstellung darauf an. Sie hatten vorher noch nie von dieser Geschichte
gehört, obwohl sie ihr ganzes Leben in der Stadt verbracht hatten. Sie wßten
zwar, das da irgend etwas geschehen war, die ganze Geschichte jedoch kannten
sie nicht.
Ich kam auf diese Geschichte, als ich mich in Australien aufhielt. Irgend jemand
gab mir ein Buch, das von einer gewissen Nann Milton geschrieben war. Das Buch
hatte den Titel John MacLane. Es stellte sich heraus, dass Nann Milton die Tochter
von John MacLane war, die die Geschichte ihres Vaters erzählte.
Nachdem ich das gelesen hatte, befasste ich mich mehr mit dieser Geschichte,
ich las weitere Bücher. Innerhalb von zwei Jahren muß ich fast jedes Buch über dieses Thema gelesen haben. Bücher, die sich dazu positiv äußerten, aber auch Bücher,
die die Ereignisse als unpatriotisch verurteilten.
Es ist also ein Teil unserer Geschichte, der verschwiegen wird, so wie auch hier
in Deutschland nur wenige Leute über die Geschichte von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg bescheid wissen, den Anführern
der Deutschen Anti-Kriegs-Bewegung.
Ich glaube, diese Geschichte ist von großer Bedeutung, gerade jetzt, wo wir die größte Anti-Kriegs-Bewegung aller Zeiten beobachten können: Die Proteste gegen den Krieg im Irak. Erst vor einigen Tagen fand in England wieder eine große Kundgebung dagegen statt. Die größte
der Demonstrationen gab es im letzten Jahr im Februar in London.
Tatsache ist aber auch, dass Tony Blair sich davon nicht beeinflussen lassen
wird. Wir müssen von den Red Clydesidern lernen und sie dazu zwingen, dass sie zuhören.
Die Zukunft...?

Die
Veranstalter des Celtic Connections Festivals versuchen zur Zeit, Fördermittel
beim British Arts Council aufzutreiben. Dieses Gremium finanziert Projekte, die
nicht kommerziell funktionieren oder profitorientiert sind.
Unsere Aufführung ist zum Beispiel so ein Projekt, da es sehr teuer ist,
das auf Tournee zu schicken. In Glasgow arbeiteten wir mit drei Schauspielern,
drei Musikern und dem technischen Personal. Es gab auch Projektionen historischen
Bildmaterials.
Wir brauchen etwa 10 Leute, um das auf die Bühne zu bringen. Das kostet viel und wir brauchen Unterstützung.
Ob wir das Geld kriegen, das werde ich erfahren, wenn ich wieder in Glasgow bin,
mehr kann ich dazu noch nicht sagen. Wenn wir die Finanzierung erhalten, dann
gehen wir mit dem Projekt auf Tournee, wenn nicht, dann war's das.
Aber es gibt noch genug andere Geschichten zu erzählen...!
(Bericht und Photos: W.Rodrian, 2004)